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Als ich den Ficus für die Floßform kaufte, waren in dem Topf zwei einzelne Pflanzen. Nachdem ich die Floßform wie auf den vorherigen Seiten beschrieben gestaltet hatte, verblieb mir eine weitere gesunde Pflanze mit unbeschädigtem Wurzelballen. Da ich noch eine kleinere Bonsaischale in meiner Sammlung fand, habe ich gleich ein weiteres Projekt begonnen.
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Mir schwebte eine Form vor, welche ich mal in der Natur gesehen hatte. Ein junger Baum wuchs im Schatten eines Älteren. Der Stamm des jungen Baumes war zweimal geschwungen, zuerst zur Seite und dann wieder nach oben. Auf diese Weise versuchte der junge Baum durch sein Wachstum auf die 'Sonnenseite' zu gelangen. Einen Bonsai in dieser Form würde man wohl als Shakan-Moyogi bezeichnen, Shakan für eine geneigte Form und Moyogi für einen geschwungenen Stamm. Aber das ist mir eigentlich egal, mir ging es lediglich darum, meine Erinnerung nachzubilden.
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Das untere Stammdrittel des Ficus wurde von allen Ästen befreit. Das geschieht am besten mit einer Konkav-Zange, damit einerseits keine störenden Aststümpfe stehen bleiben, andererseits aber auch die Wunden schnell und unauffällig verheilen. Ersatzweise kann man die erforderlichen Schnitte auch mit einer sehr scharfen Schere direkt am Stamm ausführen. Austretenden Latex-Saft kann man bei so kleinen Wunden einfach mit einem nassen Wattestäbchen abtupfen. Bereits nach kurzer Zeit tritt kein weiterer Saft aus und man braucht keine Angst zu haben, daß der Baum "verblutet".
Weitere Äste im oberen Bereich entferne ich auf die gleiche Weise, damit ein harmonischer Umfang der neuen Krone entstehen kann. Die beiden untersten Äste, welche der Ficus behalten hat, setzen allerdings auf gleicher Höhe an. Da beide relativ kräftig sind, kann ich mich nicht dazu durchringen, einen von ihnen herauszuschneiden. Somit habe ich zwei gegenständige Äste, was in der Bonsai-Kultur verpönt ist. So suche ich nach einer Gestaltung, in der es langfristig möglich sein könnte, beide Äste harmonisch in das Gesamtbild einzugliedern.
Da der eine untere Ast bedeutend länger war als der andere, kann er sich entgegen der Wuchsrichtung des Baumes neigen, um ein Gegengewicht zu bilden. So habe ich den Ficus gedrahtet und dem Stamm einen deutlichen Schwung gegeben. Den großen unteren Ast habe ich leicht nach vorn gebogen, den dritten Ast von unten in den Hintergrund. Die Spitze der Gestaltung zeigt senkrecht nach oben, hier wird sich eine kleine Baumkrone bilden.
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Da selbst mein dickster Draht nicht ausreichte, das untere Drittel des Stammes zu verbiegen, habe ich zusätzlich in die untere Gabel eine Schnur gelegt und unter dem Schalenboden durchgeführt. Ein kleines Stück Wildleder schützt die empfindliche Baumrinde vor einem Einschneiden der Nylonschnur. Nachdem ich die Schnur gespannt habe, ergibt sich eine recht harmonische Krümmung des Stamms. Je nachdem, wie sich die Pflanze in den nächsten sechs Monaten entwickelt, kann ich immer noch den kürzeren der untersten Äste entfernen oder den Längeren weiter nach unten biegen, um eine ausgewogenere Gestaltung zu erhalten. Auch hier werde ich nicht den klassischen Gestaltungsregeln folgen, sondern meine Entscheidung treffen, wenn sich die weitere Entwicklung der Pflanze besser erkennen läßt.
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